Gemeinsames Merkmal der unterschiedlichen Ausgestaltungen einer schriftlichen Befragung ist allerdings gerade, dass kein Interviewer anwesend ist und daher auch keine Reaktionen auf diesen Interviewer erfolgen können. Man kann sich diese Situation also so vorstellen, dass der Teilnehmer wirklich ausschließlich mit sich und dem Fragebogen beschäftigt ist. Dies geht allerdings auch automatisch damit einher, dass keine korrigierenden Rückfragen oder sonstige Informationen über den Fragebogen hinaus während der Bearbeitung möglich sind, was bei ungünstigen Formulierungen auch zu fehlenden oder unpassenden Antworten führen kann. Dem Fragebogen kommt also bei der schriftlichen Befragung noch die zusätzliche Bedeutung bei, dass er aus sich heraus völlig verständlich und die Befragung auch völlig ohne weitere externe Hilfe oder Einwirkung durch Projektteilnehmer der Untersuchung möglich ist.
Im Zentrum steht also bei einer schriftlichen Befragung ausschließlich der Fragebogen. Er gelangt in elektronischer oder ausgedruckter Form zum Teilnehmer. Dies kann über beliebige Wege erfolgen, die sich bspw. mit den Wegen von Werbemitteln oder allgemeinen Informationen/Korrespondenz kreuzen. Speziell bei einer elektronischen Befragung ist es üblich, dass in einer Email ein Link enthalten ist, die zu einer Internet-Seite mit dem Fragebogen führt. Ein Versand per Brief wäre genauso denkbar. Auch ein angehängter Fragebogen, der in einem Viewer-Programm ausgefüllt wird, ist denkbar, jedoch technisch anspruchsvoller. Der Teilnehmer beantwortet die Fragen oder er verzichtet völlig auf eine Teilnahme, sodass er im einen Fall den Fragebogen in irgendeiner Weise wieder zurücksendet oder dies gerade unterbleibt. Der Versand erfolgt bei einem Papierfragebogen typischerweise über einen für den Teilnehmer kostenfreien Versandweg, um eine möglichst hohe Bereitschaft der Teilnehmer zu erzeugen und die Teilnahme selbst sehr einfach zu gestalten. Bei einem elektronischen Fragebogen entfällt diese Überlegung und entfallen auch die entsprechenden Kosten. Es gibt hier verschiedene Varianten, wobei das Web-Formular besonders weit verbreitet ist. Andere Formen würden einen Datei-Fragebogen wie bspw. in PDF, MS Word oder einer sonstigen geeigneten Datei einsetzen, der dann per Upload oder Email wieder zurückgesandt wird. Da die Email-Nutzung häufig mit dem Ziel der zugesicherten Anonymität kollidieren könnte und auch ansonsten dieser Versand eher mehr Aufwand für den Teilnehmer bedeutet, sind solche Formen nicht so häufig zu finden. Bei einem Papier-Fragebogen, der am Verkaufspunkt (im Eingangsbereich eines Geschäfts, im Hotelzimmer, im Seminarraum) ausliegt, stellt der Versand für den Teilnehmer keine besondere Anforderung dar. Dies übernimmt dann ein Verantwortlicher vor Ort, sofern die Daten nicht sofort vor Ort ausgewertet werden.
Beim Versand der Fragebogen in elektronischer oder schriftlicher Form sind zwangsläufig die Adressen der Teilnehmer notwendig. Hier kann man also davon ausgehen, dass sie mit Hilfe von geeigneten Datenquellen gefunden worden sind. Sofern nicht der Fall einer Totalerhebung wie bei allen Mitarbeitern oder allen Kunden einer bestimmten Kategorie etc. vorliegt, geht die Bildung der Adressliste auch mit der Stichprobenermittlung einher. Der Versand enthält neben dem Fragebogen auch noch zusätzliche Informationen zur Erhebung und den Organisatoren.
Während beim Versand die Adressen noch bekannt sind, kann man nur noch ermitteln, wie hoch die Rücklaufquote überhaupt ist, aber nicht mehr, wer genau den Fragebogen noch nicht beantwortet hat. Diese Information ist allerdings wichtig, um evtl. weitere Erinnerungen zu versenden. Man kann pauschale Erinnerungen versenden, die dann allerdings auch die Teilnehmer enthalten, welche den Fragebogen schon beantwortet haben, oder eine weitere Postkarte auch schon mit dem ersten Schreiben versenden, mit deren Versand die Teilnahme dann bestätigt werden soll. Die Anonymität begrenzt sich dann auf die Antworten, aber nicht auf die Teilnahme selbst. Die gängige und kostengünstigste Lösung, Identifikationsnummern auf die Fragebögen zu drucken, kollidiert typischerweise damit, dass man dem Teilnehmer Anonymität zugesichert hat.
Ein weiteres Merkmal von schriftlichen Befragungen liegt in einer
besonderen Form der Anonymität. Viele Befragungen werden insbesondere
elektronisch durchgeführt, deren Teilnehmer gar keiner besonderen
Stichprobe angehören, sondern die einfach wahllos irgendwelche Antworten
sammeln. Dieses Problem ist gerade im Bereich der Abstimmungen häufig
anzutreffen. Hier veröffentlicht man einen meist kleinen Fragebogen als
Unter-Element einer Webseite und sammelt meist Antworten zu
Meinungsfragen. Wer sich dann an dieser Abstimmung beteiligt hat und ob
diese Teilnehmer nicht sowieso überproportionale für oder gegen das
abgestimmte Thema eingestellt waren, ist dann überhaupt nicht mehr
nachzuvollziehen. Doch auch bei größeren Befragungen findet eine Reihe
von solchen Online-Fragebögen ihren Einsatz, deren Autoren im günstigsten
Fall bei der Auswertung noch darauf hinweisen, dass die
Antwort-Verteilungen und Ergebnisse sich immer nur auf die Teilnehmer der
Befragung beziehen. Der Hinweis, dass dies also gerade keinen Rückschluss
auf irgendeine Grundgesamtheit erlaubt, fehlt meistens und wird auch
nicht immer vom Publikum so verstanden. Stattdessen findet sehr viel
häufiger die implizite Annahme statt, dass die Ergebnisse doch in
irgendeiner Weise auch für eine Grundgesamtheit wie bspw. auch die
gesamte deutsche Bevölkerung gelten. Im günstigsten Fall stand bei
solchen Befragungen der Unterhaltungsaspekt im Vordergrund, den man
dadurch nährt herauszufinden, was andere Benutzer der Webseite, des
Produkts oder der Gemeinschaft denken. Doch auch hier schwingt immer auch
die Frage nach der Übertragbarkeit auf die Grundgesamtheit mit. Kurz und
gut: Anonymität in diesem Sinne bedeutet im wahrsten Sinne des Wortes,
dass der Verantwortliche der Befragung in keiner Weise die Auswahl der
Teilnehmer bewerten und ihre weiteren Merkmale, die möglicherweise nicht
abgefragt werden, auch nicht in Beziehung zu ihren relativen Häufigkeiten
in der vorhandenen Grundgesamtheit in Beziehung setzen kann. Im
günstigsten Fall werden evtl. bei einer größeren Befragung noch
demografische Merkmale oder weitere spezielle Merkmale (Häufigkeit, Länge
und Qualität der Nutzung der speziellen Webseite, Datum der
Erstanmeldung) erhoben, um bspw. durch Hochrechnungen Schätzwerte für
Merkmale der Grundgesamtheit zu erheben. In vielen Fällen jedoch handelt
es sich um eine absolut unorganisierte Datenerfassung, die aus diesem
Grund auch sehr leicht von beliebigen Interessengruppen manipulierbar
ist.
Ab und an kann man schon einmal solche Formulierungen auch in der
Tagespresse finden, die relative Häufigkeiten bei Antworten auf die
Grundgesamtheit der Internet-Nutzer beziehen. Damit werden zwei Dinge
eigentlich gleichzeitig impliziert, die inhaltlich zudem nicht zueinander
passen. Auf der einen Seite soll diese Formulierung wiederum indirekt
suggerieren, dass dies eine Art von allgemeiner Grundgesamtheit ist, weil
ja nun einmal im Internet sozusagen für jedes Interesse beruflicher oder
privater Natur auch Informationen beliebiger Art zu finden sind. Auf der
anderen Seite trennt man aber durch diese Formulierung bewusst die
allgemeine Grundgesamtheit im Sinne der Bevölkerung von derjenigen der
Internet-Nutzer. Dies ist sicherlich immer noch richtig, da man die
Internet-Nutzer durchaus demografisch in bestimmte Gruppen einteilen
kann, die eine erhöhte Neigung zur Nutzung von elektronischen Medien
aufweisen. Inwieweit nun diese sich möglicherweise in den kommenden
Jahren immer weiter verwischenden Unterschiede dann auf eine solche
Befragung Auswirkungen haben oder inwieweit überhaupt eine bestimmte
Gruppe an der Befragung teilgenommen hat, bleibt weiterhin außen vor.
Eine weitere Anmerkung ist hier notwendig: Auch die Durchführung einer
Befragung mit Hilfe eines Interviewers schützt nicht grundsätzlich vor
solchen Design-Fehlern. Es ist ebenso möglich, durch die spontane Auswahl
von Passanten auf der Straße eine absolute Verzerrung in den Ergebnissen
zu erreichen. Dies kann schon dann passieren, wenn bspw. junge
Interviewer auch wiederum ihnen sympathische oder als einfache
Teilnehmer erscheinende andere junge Menschen ansprechen und somit vor
allen Dingen die Meinung einer bestimmten Altersgruppe in Erfahrung
bringen, die nicht in jedem Fall bei allen anderen Altersgruppen gleich
sein muss.
Selbstverständlich kann man sich vorstellen und ist es auch realistisch
davon auszugehen, dass Teilnehmer direkt über die Befragung informiert
werden und man ihre meist elektronische Adresse auch für die
Erst-Information, die Erinnerung und evtl. auch für eine Danksagung
nutzt. Dies stellt dann die qualitativ hochwertige Durchführung einer
elektronischen Befragung dar und entspricht auch in diesem Sinne einer
traditionellen schriftlichen Befragung, bei der entsprechend Fragebogen
per Post mit einer Antwortmöglichkeit verschickt werden. In diesem Fall
sind vor allen Dingen die Reduktion der Versandkosten sowie natürlich der
bei Papier-Fragebögen notwendigen Kosten der Datenübertragung
entscheidende Vorteile einer elektronischen Durchführung. Es ist nicht
unbedingt gesagt, dass die Auswahl der Teilnehmer aufgrund von guten
Methoden der Stichprobenermittlung erfolgt ist, doch hat es anscheinend
in jedem Fall in irgendeiner Weise Anstrengungen gegeben, die Teilnehmer
nicht völlig wahl- und damit auch planlos für die Teilnahme zu gewinnen.
Fragebogen kommen in vielfältigen anderen Bereichen ebenfalls zum Einsatz, wobei sie dort dann nicht unbedingt Fragebogen genannt werden. Zwei Beispiele sollen hier zur Illustration dienen:
Diese Tests sind oftmals in der Form von typischen Tests im Sinne von Aufgaben/Klausuren/Prüfungen angelegt und werden alleine bearbeitet. Es gibt aber auch Fälle, in denen mehr der Interview-Charakter und damit eine Interview-Befragung vorliegen. Man kann insbesondere im Bereich Personalauswahl davon ausgehen, dass verstärkt auch kleinere Unternehmen Tests anstelle von reinen eher unstrukturierten Einstellungsgesprächen einsetzen, um den gesamten Einstellungsprozess nachvollziehbar zu dokumentieren und bspw. Anforderungen aus Gleichbehandlungsgründen oder vorgegebenen Prozess-Strukturen zu erfüllen.
Auch wenn hier in keiner Weise mehr solche Begriffe wie Grundgesamtheit, Stichprobe oder überhaupt der Wunsch, Erkenntnisse über kollektive soziale Phänomene zu gewinnen, im Vordergrund stehen, sondern ganz im Gegenteil die individuelle Einschätzung und Bewertung eines Menschen die Ziele bilden, handelt es sich bei diesen Tests auch um Befragungen. Die eingesetzten Techniken und Methoden sind aus Sicht des Fragebogens dieselben, wenngleich er auch in einem anderen Prozess der Erhebung und Auswertung eingebettet ist. Die normalerweise typische weitere Nutzung der individuellen Ergebnisse liegt in einem Vergleich bspw. mit anderen Bewerbern oder vorgegebenen Standardwerten.
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