Die Problematik von Formulierungen soll an einem schönen Beispiel schon vorab kurz illustriert werden. Einstellungstests sind bislang nicht als Beispiel verwendet worden, sind allerdings in vielfältiger Hinsicht auch Fragebögen, können allerdings auch sehr komplexe Frage- und Antwort-Darstellungen bieten. Das Beispiel allerdings wirkt zunächst ganz harmlos und ist auch gerade wegen des Hinweises, dass es in einem Einstellungstest (in diesem Fall dann auch noch im Bereich der Persönlichkeitsdiagnostik, die selbstverständlich besonders viel Kritik auf sich ziehen und Angst verbreiten kann) erscheinen könnte, unter vielen Aspekten zu betrachten.
Unabhängig davon, wie man überhaupt zu Einstellungstests im Allgemeinen und zu Persönlichkeitstests im Besonderen stehen mag, so ist bei einem solchen Test bzw. Fragebogen die soziale Erwünschtheit der Beantwortung bei vielen Kandidaten vermutlich das übergeordnete Ziel der Beantwortung. Die meisten stellen sich mit Sicherheit gerade bei Fragen, die keinen eigentlichen Sachinhalt (Übungen zur Logik, zum räumlichen Vorstellungsvermögen, zum Sprachvermögen oder zur Konzentration oder sogar zur so genannten Allgemeinbildung) aufweisen, die Frage, welches Bild die eine oder andere Antwort oder diese wiederum in Kombination mit den Antworten zu anderen Fragen erzeugen mag und - umso schwieriger zu bewerten und durch geschicktes und taktisches Antworten manipulierbar welches Bild für die erstrebte Position wohl das passendste wäre.
Kurz und gut: Fragen wie Stört es Sie persönlich, wenn Sie jeden Tag zu spät erscheinen? oder Würden Sie lieber jeden Tag am Strand liegen als zu arbeiten? werden wohl nirgendwo zu finden sein, weil die sozial erwünschte Antwort schon sehr deutlich im Raum schwingt. Wenn die Antworten aus der Menge {Ja, Teils-Teils, Nein} ausgewählt werden sollen, dann kann man wohl davon ausgehen, dass sich die Chancen, die Stelle zu erhalten, stark erhöhen, wenn die Antwort auf die erste Frage ein Ja ist. Bei der zweiten Frage könnte allerdings ein Teils-Teils die geschicktere Antwort sein, denn vermutlich glaubt einem ohnehin niemand, dass man niemals und unter gar keinen Umständen am Strand liegen möchte, wenn man die Wahl hätte. Ein Ja ist allerdings auch in diesem Fall sehr gefährlich, denn zeigt zunächst einmal keine besondere Motivation, überhaupt eine Stelle anzunehmen. Andererseits könnte ein Ja auch verstanden werden als eine ehrliche Antwort, denn wenn man die Wahl hätte, sich dafür zu entscheiden, dann wäre Strand gegenüber Büro vielleicht doch die bessere Option. Wenn die Frage allerdings ganz unabhängig vom Bild, was der arme Bewerber gegenüber der Personalabteilung zeichnen möchte so zu verstehen ist, dass man sich nur für eine der beiden Optionen entscheiden kann und bis zum Tode dazu verdammt wäre, jeden Tag auf das Meer zu schauen und nicht einmal nach einiger Zeit der Muße doch lieber ein Strand-Restaurant zu eröffnen, eine Surf-Schule zu gründen oder sonst eine weitere Betätigung wie das Schreiben von Krimis aufzunehmen, dann würden sich vielleicht doch manche Bewerber lieber einem ganz gewöhnlichen Leben in einem ganz gewöhnlichen Großraum-Büro zuwenden. Man weiß natürlich auch nicht genau, wie die Stelle im Büro beschaffen ist. Wenn es dort Aufstiegschancen gibt, man dort den Partner für die Familiengründung trifft und man sich persönlich durch die Aufgabe bereichert fühlt und nebenbei am Wochenende noch Krimis schreiben kann, dann kann auf einmal der Strand auch an drei Wochen im Jahr völlig ausreichen.
Die Diskussion der letzten Frage hat bereits eine Menge verschiedener kritischer Punkte aufgezeigt. Sie wirkt so einfach und klar in ihrer Formulierung, dass man zunächst keine Gefahr erkennen kann. Auch die Antworten können nicht als sehr komplex gelten, denn hier scheint eine einfache Dreier-Skala zu genügen. Und doch kann sie als absolute Fehlbesetzung im Fragebogen gelten. Die einzige Chance ihrer Ehrenrettung liegt übrigens darin, wenn sie möglicherweise nur die Tendenz Freizeit-Beruf-Orientierung aufzeigen sollte und weitere Fragen dann die Beweggründe für diese Tendenz ergründen sollten wie bspw. solche nach den diversen Rahmenbedingungen, die in beiden Situationen herrschen und die Team, Karriere, Verantwortung oder innere Begeisterung für die Aufgabe schon in der kurzen Diskussion angedeutet worden sind. Allerdings müssten auch hier noch ganze Bataillonen an Fragen erfolgen, um nun doch noch den surfenden Buchhalter zu identifizieren, der nach zwei Wochen Muße am Strand den fertigen Business-Plan im Kopf hat, nach dem er die sehr erfolgreiche Surfschule mit internationalem Publikum, interaktiver Webseite und zukunftstauglichen seniorengeeigneten Surf-Kursen gründet und nebenbei in MS Excel noch die Buchhaltung erledigt.
Welche Punkte sind nun also zusammenfassend an der Frage Würden Sie lieber jeden Tag am Strand liegen als zu arbeiten? zu kritisieren?
Die verschiedenen Ziele, die man bei der Formulierung von Fragen und Antworten verfolgt, lassen sich unterschiedlich gruppieren. Eine mögliche Einteilung ist die Verständlichkeit, Einfachheit und Klarheit sowie die Neutralität der Antworten. Für diese drei Gruppen enthält dieser Abschnitt allgemeine Regeln.
Die meisten Regeln im Bereich Fragebogen beziehen sich auf die Verständlichkeit der Formulierungen. Dies betrifft natürlich grundsätzlich nicht nur Fragebögen, sondern alle Texte, hat allerdings hier eine besondere Bedeutung. Im Regelfall ist es doch eher so, dass der Fragebogen an die Teilnehmer gelangt, ohne dass eine Rückfragemöglichkeit existiert. In einer Interview-Situation von Angesicht zu Angesicht oder am Telefon besteht immer für den Teilnehmer die Gelegenheit, nach dem Sinn einer Frage oder nach de Bedeutung eines konkreten Wortes zu fragen. Dies ist bei einem Fragebogen, der ohne weitere Unterstützung an den Teilnehmer gelangt ist, gerade nicht so, sodass die verschiedenen Texte völlig für sich selbst stehen und aus sich selbst heraus auch den Erfolg des Fragebogens in seiner Verständlichkeit beeinflussen.
Eine Formulierung kann dabei durchaus nicht nur einfach unverständlich sein, sondern sie bietet auch die Möglichkeit, dass durch eine vorschnell getroffene Formulierungsentscheidung bestimmte Antworten intendiert werden oder die Beantwortung für den Benutzer aus verschiedenen Gründen nicht möglich scheint. Sobald der Teilnehmer eine Formulierung nicht verstanden hat, kann er sich entweder eine mögliche Erklärung zusammenreimen oder er kann die Frage einfach überspringen. In beiden Fällen ist mit den ermittelten Daten kein großer Staat zu machen, denn entweder sind sie gar nicht auf die eigentliche Frage bezogen oder fehlen. Treten solche Formulierungsschwächen gehäuft auf, kann es sogar geschehen, dass der Teilnehmer die gesamte Beantwortung unterlässt oder in besonderen Situationen, in denen er den Fragebogen beantworten muss, die Befragung sabotiert, indem er bewusst falsche oder positiv/negativ verzerrte Antworten gibt, die dann auch wiederum das ganze Ergebnis verzerren können, sobald dieser Effekt ebenfalls gehäuft auftritt. Ganz problematisch ist es, wenn der Teilnehmer sich durch Formulierungen persönlich angegriffen oder auch nur herabgesetzt fühlt.
Als allgemeine Regeln kann man in diesem Bereich also nennen:
Man kann sich leicht vorstellen, dass in einem Fragebogen auch gerade kritische Themen in Form von Beispielen, Szenarien oder einfach Sachinhalten von Fragen und Antworten erscheinen. Auf der einen Seite ist es nicht sinnvoll, sie derart zu verwässern, bis schließlich der eigentlich gemeinte Sinn entstellt ist, auf der anderen Seite kann man in vielen Fällen davon ausgehen, dass hier die Ehrlichkeit doch bei vielen Teilnehmern zu wünschen übrig lässt und sozial erwünscht beantwortet wird. Diese Herausforderung lässt sich hauptsächlich nur mit Kontrollfragen und ein Thema ergänzenden Fragen bearbeiten. Es ist also notwendig, den gleichen Indikator mit mehreren Items abzufragen, die auch nicht direkt nacheinander im Fragebogen erscheinen, sondern verstreut und am besten auch nicht als zusammenhängend erkannt werden.
Bei kritischen Themen, die möglicherweise aus Sicht des Fragebogendesigners selbst als verwerflich, unerwünscht, unmoralisch oder sonstwie nicht tolerabel scheinen, ist es umso wichtiger, dass die einzelnen Formulierungen, die für die Gestaltung der für dieses Thema angebotenen Fragen und Antworten dennoch eine neutrale Position einnehmen. Dies soll verhindern, dass die sozial erwünschte Antwort unmittelbar erkennbar wird und daher der entsprechende Fragebogen-Effekt auch induziert wird.
Folgende Regeln können hier für neutrale Formulierungen erwähnt
werden:
Die Forderungen, Formulierungen sollten einfach und klar sein, hängen sicherlich auch damit zusammen, dass sie verständlich sein sollen. Doch Einfachheit und Klarheit gehen noch ein wenig über die Verständlichkeit hinaus. Manchmal möchte man auch ein komplexes Beispiel geben, um einen Fragebogen-Effekt zu vermeiden, eine mögliche erwartete Antwort zu vertuschen oder auch ganz einfach eine Wunsch- oder Zielvorstellung des Teilnehmers zu erfahren. Genau in diesen Fällen können allerdings schnell Verneinungen, eine gehäufte Anzahl an Voraussetzungen und Bedingungen, die auch einzeln diskussionswürdig oder einer Frage wert gewesen wären, oder auch widersprüchliche Formulierungen entstehen, die erst durch einen zweiten Leser überhaupt als solche erkannt werden.
Folgende Regeln können in diesem Bereich aufgezählt werden:
Auch die Dramaturgie muss man in direkter Kombination mit den
Formulierungen betrachten, um einen guten Fragebogen zu erstellen und
bspw. wiederum die wichtigen Oberziele des möglichst späten Abbruchs und
der hohen Qualität an Antworten zu erreichen.
