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Formulierungen

Einstiegsbeispiel

Die Problematik von Formulierungen soll an einem schönen Beispiel schon vorab kurz illustriert werden. Einstellungstests sind bislang nicht als Beispiel verwendet worden, sind allerdings in vielfältiger Hinsicht auch Fragebögen, können allerdings auch sehr komplexe Frage- und Antwort-Darstellungen bieten. Das Beispiel allerdings wirkt zunächst ganz harmlos und ist auch gerade wegen des Hinweises, dass es in einem Einstellungstest (in diesem Fall dann auch noch im Bereich der Persönlichkeitsdiagnostik, die selbstverständlich besonders viel Kritik auf sich ziehen und Angst verbreiten kann) erscheinen könnte, unter vielen Aspekten zu betrachten.

Unabhängig davon, wie man überhaupt zu Einstellungstests im Allgemeinen und zu Persönlichkeitstests im Besonderen stehen mag, so ist bei einem solchen Test bzw. Fragebogen die soziale Erwünschtheit der Beantwortung bei vielen Kandidaten vermutlich das übergeordnete Ziel der Beantwortung. Die meisten stellen sich mit Sicherheit gerade bei Fragen, die keinen eigentlichen Sachinhalt (Übungen zur Logik, zum räumlichen Vorstellungsvermögen, zum Sprachvermögen oder zur Konzentration oder sogar zur so genannten Allgemeinbildung) aufweisen, die Frage, welches Bild die eine oder andere Antwort oder diese wiederum in Kombination mit den Antworten zu anderen Fragen erzeugen mag und - umso schwieriger zu bewerten und durch geschicktes und taktisches Antworten manipulierbar – welches Bild für die erstrebte Position wohl das passendste wäre.

Kurz und gut: Fragen wie „Stört es Sie persönlich, wenn Sie jeden Tag zu spät erscheinen?“ oder „Würden Sie lieber jeden Tag am Strand liegen als zu arbeiten?“ werden wohl nirgendwo zu finden sein, weil die sozial erwünschte Antwort schon sehr deutlich im Raum schwingt. Wenn die Antworten aus der Menge {Ja, Teils-Teils, Nein} ausgewählt werden sollen, dann kann man wohl davon ausgehen, dass sich die Chancen, die Stelle zu erhalten, stark erhöhen, wenn die Antwort auf die erste Frage ein Ja ist. Bei der zweiten Frage könnte allerdings ein Teils-Teils die geschicktere Antwort sein, denn vermutlich glaubt einem ohnehin niemand, dass man niemals und unter gar keinen Umständen am Strand liegen möchte, wenn man die Wahl hätte. Ein Ja ist allerdings auch in diesem Fall sehr gefährlich, denn zeigt zunächst einmal keine besondere Motivation, überhaupt eine Stelle anzunehmen. Andererseits könnte ein Ja auch verstanden werden als eine ehrliche Antwort, denn wenn man die Wahl hätte, sich dafür zu entscheiden, dann wäre Strand gegenüber Büro vielleicht doch die bessere Option. Wenn die Frage allerdings – ganz unabhängig vom Bild, was der arme Bewerber gegenüber der Personalabteilung zeichnen möchte – so zu verstehen ist, dass man sich nur für eine der beiden Optionen entscheiden kann und bis zum Tode dazu verdammt wäre, jeden Tag auf das Meer zu schauen und nicht einmal nach einiger Zeit der Muße doch lieber ein Strand-Restaurant zu eröffnen, eine Surf-Schule zu gründen oder sonst eine weitere Betätigung wie das Schreiben von Krimis aufzunehmen, dann würden sich vielleicht doch manche Bewerber lieber einem ganz gewöhnlichen Leben in einem ganz gewöhnlichen Großraum-Büro zuwenden. Man weiß natürlich auch nicht genau, wie die Stelle im Büro beschaffen ist. Wenn es dort Aufstiegschancen gibt, man dort den Partner für die Familiengründung trifft und man sich persönlich durch die Aufgabe bereichert fühlt und nebenbei am Wochenende noch Krimis schreiben kann, dann kann auf einmal der Strand auch an drei Wochen im Jahr völlig ausreichen.

Die Diskussion der letzten Frage hat bereits eine Menge verschiedener kritischer Punkte aufgezeigt. Sie wirkt so einfach und klar in ihrer Formulierung, dass man zunächst keine Gefahr erkennen kann. Auch die Antworten können nicht als sehr komplex gelten, denn hier scheint eine einfache Dreier-Skala zu genügen. Und doch kann sie als absolute Fehlbesetzung im Fragebogen gelten. Die einzige Chance ihrer Ehrenrettung liegt übrigens darin, wenn sie möglicherweise nur die Tendenz Freizeit-Beruf-Orientierung aufzeigen sollte und weitere Fragen dann die Beweggründe für diese Tendenz ergründen sollten wie bspw. solche nach den diversen Rahmenbedingungen, die in beiden Situationen herrschen und die Team, Karriere, Verantwortung oder innere Begeisterung für die Aufgabe schon in der kurzen Diskussion angedeutet worden sind. Allerdings müssten auch hier noch ganze Bataillonen an Fragen erfolgen, um nun doch noch den surfenden Buchhalter zu identifizieren, der nach zwei Wochen Muße am Strand den fertigen Business-Plan im Kopf hat, nach dem er die sehr erfolgreiche Surfschule mit internationalem Publikum, interaktiver Webseite und zukunftstauglichen seniorengeeigneten Surf-Kursen gründet und nebenbei in MS Excel noch die Buchhaltung erledigt.

Welche Punkte sind nun also zusammenfassend an der Frage „Würden Sie lieber jeden Tag am Strand liegen als zu arbeiten?“ zu kritisieren?

  • Die Frage bezieht sich auf mehr als einen einzigen Sachverhalt. Man sollte gleichzeitig die beiden einzelnen Aktivitäten „im Büro arbeiten“ und „am Strand liegen“ bewerten und sie miteinander vergleichen.
  • Die Frage ist nicht suggestiv formuliert, provoziert aber dennoch eine bestimmte Antwort. Sie stürzt darüber hinaus den Teilnehmer in die unangenehme Situation, zwischen zwei nicht weiter beschriebenen Extremsituationen und eigentlich auch zwischen nicht vergleichbaren Äpfeln und Birnen zu wählen. Diese Frage zwingt den Teilnehmer eigentlich sogar dazu, sich in besonderem Maße gerade in der Situation des Einstellungstests mit der sozialen Erwünschtheit der Antwort auseinander zu setzen.
  • Die Frage ist absolut hypothetisch. Um die Frage überhaut halbwegs sinnvoll zu beantworten und nicht nur die Für und Wider der völlig verschiedenen Situationen so lange abzuwägen, bis überhaupt eine für den Teilnehmer selbst akzeptable Antwort außer „Teils-Teils“ denkbar ist, sind in Wirklichkeit eine ganze Reihe von zusätzlichen Randbedingungen zu klären: Steht „Büro“ für meinen Traumberuf, für ein erfülltes Leben mit positiven sozialen Kontakten und einem guten Ausgleich zwischen Privat- und Berufsleben oder für einen absolut stereotypen Arbeitseinsatz, der unter erschwerten und unerträglichen Bedingungen durchgeführt wird und zum Nervenzusammenbruch führt? Darf ich am „Strand“ nach einer Phase des Genusses und der Faulenzerei andere Aktivitäten aufnehmen und ein Restaurant, eine Familie oder einen Golfclub für SoWi-Studenten aus aller Herren Länder gründen oder bin ich dazu gezwungen, 30 Jahre lang auf dem gleichen Stück Strandtuch zu liegen und auf ewig die gleichen Wellen zu bestaunen und erwarte den Tod durch absolute Unterforderung und Langeweile?
  • Die Frage ist eine Hexenprozess-Frage. Es ist praktisch egal, wie man sie beantwortet, denn in jedem Fall möchte man die Antwort gar nicht so geben und kann man aus jeder Antwort auch einen Nachteil für den Bewerber ablesen. Sie ist in ihrer Schwarz-Weiß-Malerei ohne Einschränkungen und ausführliche Begründung nun einmal nicht sinnvoll zu bejahen oder zu verneinen, denn – wie so oft im Leben – steckt der Teufel nicht nur im Detail, sondern ist auch ein bisschen von Allem in der richtigen Lösung enthalten.
  • Die Frage überfordert letztendlich den Befragten. Sollten mehrere solche Fragen im gleichen Test bzw. im gleichen Fragebogen sein, ist davon auszugehen, dass die Überforderung auch zu einer Blockade oder (in diesem Sinne auch gerechtfertigten) Verweigerung führt, den Fragebogen überhaupt weiter auszufüllen.

Allgemeine Ziele

Die verschiedenen Ziele, die man bei der Formulierung von Fragen und Antworten verfolgt, lassen sich unterschiedlich gruppieren. Eine mögliche Einteilung ist die Verständlichkeit, Einfachheit und Klarheit sowie die Neutralität der Antworten. Für diese drei Gruppen enthält dieser Abschnitt allgemeine Regeln.

Verständlichkeit

Die meisten Regeln im Bereich Fragebogen beziehen sich auf die Verständlichkeit der Formulierungen. Dies betrifft natürlich grundsätzlich nicht nur Fragebögen, sondern alle Texte, hat allerdings hier eine besondere Bedeutung. Im Regelfall ist es doch eher so, dass der Fragebogen an die Teilnehmer gelangt, ohne dass eine Rückfragemöglichkeit existiert. In einer Interview-Situation von Angesicht zu Angesicht oder am Telefon besteht immer für den Teilnehmer die Gelegenheit, nach dem Sinn einer Frage oder nach de Bedeutung eines konkreten Wortes zu fragen. Dies ist bei einem Fragebogen, der ohne weitere Unterstützung an den Teilnehmer gelangt ist, gerade nicht so, sodass die verschiedenen Texte völlig für sich selbst stehen und aus sich selbst heraus auch den Erfolg des Fragebogens in seiner Verständlichkeit beeinflussen.

Eine Formulierung kann dabei durchaus nicht nur einfach unverständlich sein, sondern sie bietet auch die Möglichkeit, dass durch eine vorschnell getroffene Formulierungsentscheidung bestimmte Antworten intendiert werden oder die Beantwortung für den Benutzer aus verschiedenen Gründen nicht möglich scheint. Sobald der Teilnehmer eine Formulierung nicht verstanden hat, kann er sich entweder eine mögliche Erklärung „zusammenreimen“ oder er kann die Frage einfach überspringen. In beiden Fällen ist mit den ermittelten Daten kein großer Staat zu machen, denn entweder sind sie gar nicht auf die eigentliche Frage bezogen oder fehlen. Treten solche Formulierungsschwächen gehäuft auf, kann es sogar geschehen, dass der Teilnehmer die gesamte Beantwortung unterlässt oder in besonderen Situationen, in denen er den Fragebogen beantworten muss, die Befragung sabotiert, indem er bewusst falsche oder positiv/negativ verzerrte Antworten gibt, die dann auch wiederum das ganze Ergebnis verzerren können, sobald dieser Effekt ebenfalls gehäuft auftritt. Ganz problematisch ist es, wenn der Teilnehmer sich durch Formulierungen persönlich angegriffen oder auch nur herabgesetzt fühlt.

Als allgemeine Regeln kann man in diesem Bereich also nennen:

  • Die Formulierungen sollten klar und eindeutig sein. Sie sollten keine unbekannten Fachausdrücke enhtalten, aber dennoch zielgruppengenau passend formuliert werden.
  • Die Formulierungen sollten kurz sein und dementsprechend wenig Nebensätze oder komplexe Formulierungen enthalten. Mehreren Sätzen ist bei komplexen Fragestellungen der Vorzug zu geben.
  • Die Formulierungen sollten keine belasteten Ausdrücke einsetzen, die dazu geeignet sind, den Teilnehmer zu beleidigen oder zu kränken.

Neutrale Position

Man kann sich leicht vorstellen, dass in einem Fragebogen auch gerade kritische Themen in Form von Beispielen, Szenarien oder einfach Sachinhalten von Fragen und Antworten erscheinen. Auf der einen Seite ist es nicht sinnvoll, sie derart zu verwässern, bis schließlich der eigentlich gemeinte Sinn entstellt ist, auf der anderen Seite kann man in vielen Fällen davon ausgehen, dass hier die Ehrlichkeit doch bei vielen Teilnehmern zu wünschen übrig lässt und sozial erwünscht beantwortet wird. Diese Herausforderung lässt sich hauptsächlich nur mit Kontrollfragen und ein Thema ergänzenden Fragen bearbeiten. Es ist also notwendig, den gleichen Indikator mit mehreren Items abzufragen, die auch nicht direkt nacheinander im Fragebogen erscheinen, sondern verstreut und am besten auch nicht als zusammenhängend erkannt werden.

Bei kritischen Themen, die möglicherweise aus Sicht des Fragebogendesigners selbst als verwerflich, unerwünscht, unmoralisch oder sonstwie nicht tolerabel scheinen, ist es umso wichtiger, dass die einzelnen Formulierungen, die für die Gestaltung der für dieses Thema angebotenen Fragen und Antworten dennoch eine neutrale Position einnehmen. Dies soll verhindern, dass die sozial erwünschte Antwort unmittelbar erkennbar wird und daher der entsprechende Fragebogen-Effekt auch induziert wird.

Folgende Regeln können hier für neutrale Formulierungen erwähnt werden:

  • Die Formulierungen sollten neutral sein. Dies bedeutet, dass neutrale, sachliche Begriffe für Personen, Handlungen oder Einstellungen verwendet werden, die nicht einem bestimmten politischen, religiösen, kulturellen oder gesellschaftlichen Lager zugeordnet werden können. Hierbei muss eine Abwägung zwischen gebräuchlichen Begriffen der (tatsächlichen) gesellschaftlichen Mehrheit und absolut ungebräuchlichen, künstlich wirkenden Formulierungen getroffen werden. Die Neutralität ist nicht nur bei einzelnen Begriffen zu berücksichtigen, sondern auch bei ganzen Beispielen oder Bildern, denn gerade bei von sehr vielen Teilnehmern mit völlig unterschiedlichen demografischen Eigenschaften bearbeiteten Fragebögen können unerwartete oder nur mit Sorgfalt vermeidbare kulturelle Differenzen und Missverständnisse zu Tage treten.
  • Die Formulierungen sollten so neutral sein, dass sie keine bestimmte Anwort hervorrufen bzw. nicht ersichtlich ist, dass möglicherweise vom Auftraggeber oder Fragebogendesigner aus persönlichen Gründen nur eine bestimmte Antworttendenz akzeptabel ist. Auch ist es notwendig, vorurteilsbehaftete Formulierungen zu vermeiden und immer neutralen Formulierungen den Vorzug zu geben.
  • Die Formulierungen der Antworten sollten formal balanciert sein, d.h. bei einer abgestuften Reihenfolge von Antworen sollten die Formulierungen gleich viele Möglichkeiten in positiver und negativer Richtung bieten. Bei einfachen Fünfer-/Dreier-Skalen-Antworten im Stil „Stimme voll zu“ oder „Lehne voll ab“ ist dies sehr einfach, während dies bei vorgegebenen längeren Äußerungen, Sprichwörtern oder sonstigen komplexen Formulierungen besonders kontrolliert werden muss.
  • Die Formulierungen sollten ggf. bei mehreren Fragen zum gleichen Indikator verschiedene Härten enthalten. Der gleiche Sachverhalt kann mit Synonymen formuliert werden, die verschiedene zusätzliche Konnotationen besitzen und unterschiedlichen Wirkungen beim Adressaten auslösen könnten. Entweder entscheidet man sich für eine möglichst neutrale Formulierung oder wählt eine härtere und eine weichere Variante bei zwei Fragen zum gleichen Indikator.

Einfachheit und Klarheit

Die Forderungen, Formulierungen sollten einfach und klar sein, hängen sicherlich auch damit zusammen, dass sie verständlich sein sollen. Doch Einfachheit und Klarheit gehen noch ein wenig über die Verständlichkeit hinaus. Manchmal möchte man auch ein komplexes Beispiel geben, um einen Fragebogen-Effekt zu vermeiden, eine mögliche erwartete Antwort zu vertuschen oder auch ganz einfach eine Wunsch- oder Zielvorstellung des Teilnehmers zu erfahren. Genau in diesen Fällen können allerdings schnell Verneinungen, eine gehäufte Anzahl an Voraussetzungen und Bedingungen, die auch einzeln diskussionswürdig oder einer Frage wert gewesen wären, oder auch widersprüchliche Formulierungen entstehen, die erst durch einen zweiten Leser überhaupt als solche erkannt werden.

Folgende Regeln können in diesem Bereich aufgezählt werden:

  • Die Formulierungen in den Antworten müssen sicher stellen, dass die Möglichkeiten sich gegenseitig ausschließen und auch wirklich alle Möglichkeiten, die zu einer sinnvollen und guten Beantwortung notwendig und denkbar sind, vom Teilnehmer gefunden werden können. Antworten, die sich überlappen oder die nur einen Teil der möglichen sinnvollen Antworten abdecken, werden kein Ergebnis oder nur ein verzerrtes erzwingen.
  • Die Formulierungen sollen nicht hypothetisch oder zu unrealistisch sein. Auch Traumvorstellungen und Ängste lassen sich in konkrete Wünsche oder sachbezogene und nachvollziehbare Formulierungen umschreiben, die auch eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, dass der Teilnehmer sie annehmen und sich mit ihnen ernsthaft beschäftigen möchte. Extremsituationen egal welcher Natur sind nicht dazu geeignet, sinnvolle und letztendlich auch gut interpretierbare Ergebnisse zu erzeugen, weil vonseiten des Teilnehmers aus keine Erfahrungen mit ihnen vorliegen und er selbst auch gar nicht genügend Einschätzungsmöglichkeiten seiner selbst hat, um seine wahre Meinung nennen zu können.
  • Die Formulierungen sollten sich nur auf einen einzigen Sachverhalt beziehen und nicht auf der einen Seite überhaupt mehrere Alternativen anbieten und von diesen zusätzlich einen Vergleich einfordern, der dann schließlich auch noch auf ein bestimmtes Kriterium angewendet werden soll. Die entsprechende Formulierung sollte dann auf zwei einzelne aufgeteilt werden, die sich am besten ausschließen, wenn es sich um Antworten oder direkt aufeinander folgende und damit auch optisch in Beziehung stehende Fragen handelt.
  • Die Formulierungen sollten den Teilnehmer nicht überfordern. Dies kann durch komplexe Vergleiche, Berechnungen oder zu hohe Genauigkeit an Schätzungen sowie natürlich extrem ausgewählte Beispiele und Szenarien liegen. Hier entsteht die Gefahr, dass die Schätzung entweder kaum möglich ist und daher eine falsche oder auch keine Antwort provoziert, oder dass sie dem ersten Anschein nach doch zu bewältigen ist und die verzerrte und ungenaue Antwort dem Teilnehmer auch später gar nicht mehr für eine Korrektur auffällt. Auch offene Antworten, in denen ein freier Text und damit die Formulierung und Verschriftlichung einer eigenen Meinung notwendig wird, kann zu einer Überforderung führen. Zeigt man dagegen eine besonders große Menge an Antworten, bei denen möglicherweise auch noch einige sehr ähnlich sind, so kann dies ebenfalls eine Überforderung auslösen, da zu kleine Abstände zwischen den Antwortmöglichkeiten evtl. zu unklar oder unscharf sind oder allgemein die Entscheidung zu unübersichtlich wird.
  • Die Formulierungen sollten formal balanciert sind. Dies bedeutet, dass bei einer Skala, die positive wie negative Antworten umfasst, der Anteil beider Antwortrichtungen gleich ist und damit das gesamte Spektrum an möglichen Antworten innerhalb der beiden extremen Positionen abgedeckt ist.
  • Die Formulierung von Antworten sollte möglichst keine offenen und keine unterschiedlich breite Klassen enthalten. Dabei geht es im Wesentlichen nicht um psychologisch kritische Effekte bei der Beantwortung, sondern allein um die Auswertbarkeit, die durch solche Formulierungen und Klassenbildung erschwert wird. Sofern es möglich ist, kann man auch die Klassenbildung erst später bei der Untersuchung vornehmen, um nicht unnötig wertvolle Details zu verlieren. Eine a priori Klassenbildung würde man vornehmen, wenn man davon ausgeht, dass eine punktgenaue Antwort schwer möglich (prozentuale Anteile) oder unangenehm (Einkommen) ist.
  • Die Formulierungen von Fragen und auch von Antworten werden von den Teilnehmern interpretiert. Diese Interpretation muss auch bei der Gestaltung und der Auswertung Berücksichtigung finden. Eine grafische Darstellung kann eine ganz andere Skala suggerieren als bspw. eine textuelle Auflistung von Antworten. Die Antworten selbst können untereinander verglichen werden, was zu ungünstigen Effekten führt, wenn in den Antworten weitere Aspekte der Frage enthalten sind.

Formulierung und Dramaturgie

Auch die Dramaturgie muss man in direkter Kombination mit den Formulierungen betrachten, um einen guten Fragebogen zu erstellen und bspw. wiederum die wichtigen Oberziele des möglichst späten Abbruchs und der hohen Qualität an Antworten zu erreichen.

  • Fragen können durch direkt zuvor gestellte Fragen in einem anderen Licht erscheinen als ursprünglich beabsichtigt, weil durch die vorherige Frage ein Hintergrund aufgespannt wird, der als Kontrast für die aktuelle spätere Frage dient. Diesem Halo-Effekt (Positions-, Fragekontext- oder Fragereihenfolgeneffekt) kann man entgegen wirken, indem entsprechend keine solche Fragen direkt nacheinander platziert werden. Dies wiederum erreicht man, indem man eine neue Gruppe beginnen lässt, die Reihenfolge entsprechend ändert oder auch eine so genanne Pufferfrage einführt, welche den Bezugsrahmen neutralisiert oder allein schon dadurch aufhebt, dass sie sich wiederum für keinen solchen kontrastierenden Hintergrund eignet.
  • Demografische Fragen sind immer wieder gern gesehen Informationen, die in einem Fragebogen abgefragt werden. Dies ist vielen Teilnehmern auch bewusst, weswegen sie grundsätzlich auch durchaus gestellt werden können, ohne dass man befürchten muss, keine Antworten zu erhalten. Doch ist es ungünstig, mit diesen langweiligen Fragen, die ein Teilnehmer schon mehrfach beantworten musste, den gesamten Fragebogen zu beginnen. Der Teilnehmer möchte, wenn er sich zu einer Teilnahme bereit erklärt hat, ihn interessierende und neue Fragen beanworteten und nicht nur Angaben zu Geschlecht, Alter, Bildung oder Beruf machen, bei denen er möglicherweise auch deren Sinn und Bedeutung für das eigentliche Befragungsthema nicht versteht.
  • Themenkomplexe in Form von Fragegruppen mit klar ausgewiesenen Titeln und evtl. auch kurzen Einführungstexten dienen dazu, dass der Teilnehmer sich auch längere Zeit bzw. über mehrere Fragen hinweg mit dem gleichen Thema beschäftigen kann und keine ständigen Gedankensprünge vollführen muss. Kontrollfragen müssen notwendigerweise auch auch schon einmal an anderer Stelle untergebracht werden, wobei dann aber dennoch nach passenden Gruppierungsmöglichkeiten und Formulierungen zu suchen ist, welche keine Irritationen bzgl. der Existenz der Kontrollfragen in eben dieser oder jener Gruppe hervorrufen. Die Kontrollfrage ist nur dann wirkungsvoll, wenn sie sich wie ein Chamäleon tarnen kann.
  • Zu Beginn des Fragebogens sollte man darauf achten, dass man gerade Fragen stellt, die direkt mit dem eigentlichen Thema der Befragung in Beziehung stehen und die auch gleichzeitig die Möglichkeit bieten, dass der Teilnehmer sie leicht beantworten kann und sich auch vom Thema angesprochen fühlt bzw. den Eindruck gewinnt, dass er auch wertvolle Informationen liefern kann. Dies bedeutet, dass nicht sofort die seltenen und extremen Fälle geprüft werden, sondern auch durchschnittliche Antworten erlaubt sind, weil entsprechend einfache Fragen gestellt werden. Solche Fragen, deren eigentliche Beantwortung gar nicht so sehr im Fokus stehen, aber eine positive Einstellung bewirken sollen, nennt man auch schon einmal taktische Fragen.
  • Die Befragungsdauer erscheint dem Teilnehmer eigentlich immer und egal bei welchem Umfang zu lang, da er im Wesentlichen keinen originären Anreiz hat, den Fragebogen auszufüllen. Auch der Wunsch, über sich selbst etwas mitzuteilen, kann schnell erlahmen, da ja kein direktes Gegenüber mit direkten Reaktionen vorhanden ist. Daher ist es notwendig, ihm zu zeigen, dass der Fragebogen tatsächlich schnell auch vollständig bearbeitet werden kann und auch bald zu Ende ist. Dies gelingt mit mehr auf die Formatierung und Darstellung bezogenen Techniken wie großflächige Ansichten, die daher schnell vollständig bearbeitet sind, Hinweise auf die aktuelle Ausfüllquote im Stil „4 von 8 Seiten“ oder „25%“, Ankündigungen auf das Ende hin im Stil „jetzt noch einige allgemeine Fragen“ oder „nun zu unserem letzten Thema“ sowie dem Einsatz von zwei Enden, d.h. der gleichzeitig Nutzung der beiden letzten Beispielaussagen, sodass ein eigentliches Thema „als letztes“ und die Demografie-Fragen mit „nun noch einige Fragen“ angekündigt werden.

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